Dienstag, 26. Februar 2019, 06.38 Uhr

Züri Unterland schreibt Cup-Geschichte weiter

Züri Unterlands Fabian Perler (von links) David Schlatter und Michael Brander blocken Berns 2,03-Meter-Mann Jakub Radomski aus. Bild: Dominic Staub

«Ich kann es noch kaum realisieren», sagte Züri Unterlands Libero Marco Back. Dabei waren schon einige Minuten vergangen, seit er einmal mehr einen völlig misslungenen Annahmeball seines Berner Pendants Andrin Flück, der direkt auf die Unterländer Spielfeld-Hälfte flog, mustergültig angenommen und zu Fabian Perler spediert hatte. Seit der virtuos aufspielende Unterland-Passeur Michael Brander bedient hatte. Und seit der Aussenangreifer zum x-ten Mal den Berner Block so gekonnt präzise anschlug, dass der Ball von dort ins Aus sprang, Züri Unterland gleich den ersten Matchball zum 25:14 verwertete – und die Siegesparty im Tollhaus Ruebisbachhalle ihren Lauf nahm. Tatsächlich hatten Back und seine Mitspieler Historisches geleistet. Und das nicht nur in Bezug auf ihren VBC Züri Unterland, der nun zum ersten Mal überhaupt im Final des Schweizer Cups steht. Vielmehr ist im Schweizer Männer-Volleyball das Leistungsgefälle zwischen der höchsten und der zweithöchsten Liga so ausgeprägt, dass ein Einzug einer NLB-Equipe in den Cupfinal äusserst selten vorkommt. Zum letzten Mal war dies 1991 der Fall.

«Jetzt spielen wir in Fribourg im Cupfinal, unglaublich», fuhr Marco Back kopfschüttelnd fort. Natürlich gehörte zum historischen Cup-Coup auch ein wenig Losglück: Nachdem die Unterländer in den ersten beiden Runden Gegner aus der NLB zugelost bekommen hatten, trafen sie im Viertel- und im Halbfinal auf die nominell schwächsten möglichen Kontrahenten aus dem Schweizer Volleyball-Oberhaus, den Letztplatzierten Jona und nun eben Uni Bern, den Tabellensiebten und Vorletzten der NLA. Dennoch: Die günstige Ausgangslage zum Durchmarsch in die Freiburger Sporthalle St. Léonard zu nutzen, wo am Samstag, 30. März, rund 5000 Zuschauerinnen und Zuschauer zum Cupfinal gegen den NLA-Leader Amriswil erwartet werden, war alles andere als selbstverständlich. Die Unterländer, die ihren Sport in der Art von Amateuren ausüben, ganze zweimal pro Woche gemeinsam trainieren, verdienten sich den Triumph im Halbfinal mit einer nahezu perfekten Darbietung, mit unbändigem Kampfgeist, vorbildlichem Zusammenhalt und einer auf den ersten Blick erstaunlichen Abgebrühtheit.

Nur am Anfang nervös

Vor rund 450 Zuschauern in der bis auf den letzten Platz besetzten Klotener Sporthalle Ruebisbach begegneten die Gastgeber den Bernern von Anfang an auf Augenhöhe. Schon den von beiden Teams noch nervös geführten ersten Satz hätten die Unterländer durchaus für sich entscheiden können. So führten sie 22:20 – verloren durch Fehler am Ende aber noch 23:25. Im zweiten Durchgang dominierten sie dagegen, spielten einen frühen Vorsprung heraus und steigerten sich in einen regelrechten Spielrausch, dem die Berner nichts entgegenzusetzen hatten. Gerade die langen, hart umkämpften Ballwechsel gingen an das Heimteam. Berns polnischer Trainer Mikolaj Ostrowski sah sich zu zwei frühen Time-outs gezwungen – doch die Reaktion blieb aus. Mit 25:14 ging der Satz an Züri Unterland.

«Spätestens da haben wir gemerkt: Hey, wir können sie packen», schilderte Michael Brander. Der Aussenangreifer verlieh neben Libero Back der Unterländer Annahme und Abwehr viel Stabilität – und führte sein Team mit drei wichtigen Punkten in Serie gegen Ende des lange umkämpften und 25:22 gewonnenen dritten Satzes endgültig auf die Siegesstrasse. «Es braucht manchmal wenige Details, schön dass ich in der Phase gepunktet habe», sagte Brander bescheiden. Züri Unterlands Trainer Lucian Jachowicz analysierte: «Der dritte Satz war der Knackpunkt. Hätten wir ihn verloren, hätte das Spiel anders ausgehen können.» Tatsächlich hatten die Unterländer zur Satzmitte die Berner auf 13:17 davonziehen lassen. Ehe Jachowicz ein Time-out nahm, nach dem seine Spieler wieder entschlossener agierten.

Nach dem abermaligen Satzverlust machten die Gäste aus der Bundesstadt Züri Unterland das Leben denkbar einfach. Von Aufbäumen keine Spur, agierten sie zunehmend fahrig, nervös und fanden nicht mehr in die Partie zurück. Die Gastgeber ihrerseits blieben auch mit dem nahenden Triumph vor Augen stets konzentriert, leisteten sich kaum mehr Fehler und zogen ihr Spiel konsequent durch.

In allen Belangen besser

So hatte Züri Unterlands Erfolg, so unglaublich er den Spielern selbst vorgekommen sein mag, seine Logik. Setzte sich doch jenes Team durch, das an diesem Nachmittag in allen Bereichen überlegen war: Wie von Trainer Lucian Jachowicz im Vorfeld gefordert, setzten die Einheimischen mit ihren Aufschlägen die Berner gekonnt unter Druck und entschärften deren Services weitgehend problemlos. So konnte Passeur Fabian Perler nach Belieben das Spiel gestalten. Kurz über die Mitte fand er mit Geburtstagskind Fabian Bigger und David Schlatter gute Anspielstationen, die zuverlässig punkteten. Über aussen griffen die Brander-Brüder Michael und Fabian solide an, und auf der Diagonalposition brachte Captain Manuel Gahr mit seinen präzisen, praktisch fehlerfreien Angriffen die Berner sichtbar zur Verzweiflung. Zu guter Letzt stand der Unterländer Block stets bereit – keinesfalls zufällig. «Lucian hat uns taktisch so gut eingestellt, dass es fast schon beängstigend war», lobte der neu 31-jährige Bigger seinen um ein halbes Jahr jüngeren Trainer, «wir wussten immer genau, was passiert, wo genau der gegnerische Passeur hinspielt, wie und wohin der Angreifer schlagen wird. Das hat es für uns natürlich einfacher gemacht.»

Der Baumeister des Erfolgs gab das Lob zurück. «Die Mannschaft hat heute sehr gut gespielt und auf dem Feld sehr viele richtige Entscheidungen getroffen», sagte Lucian Jachowicz. Seine Spieler hätten die taktischen Vorgaben konsequent umgesetzt. «Und ich wusste, dass wir gegen diesen Gegner eine gute Chance haben, wenn uns selbst eine Topleistung gelingt», fügte Jachowicz an. Auch damit hatte er recht behalten.

Bericht von Peter Weiss, Zürcher Unterländer.

Sponsoren